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Diplomarbeit Simon Kettel u. Philipp Schneider Lehrstuhl für Gebäudelehre und Einführen in das Entwerfen, RWTH Aachen 2010
EBS Langelsheim
Ersatzbrennstoffkraftwerk im Harz
Kulturlandschaft 2.0
Vorweggenommene Nachnutzung
Städtebau mit Ingenieursbauteilen
Die Kraft des Merkürdigen

Die Konsumgesellschaft erzeugt Müll. Verschiedene Länder haben unterschiedliche Methoden, damit umzugehen. In Italien verdient die Mafia mehr Geld mit Müll als mit Drogen und vergräbt Giftmüll in Feldern. In China wird der Müll ins Meer gekippt. Der Deutsche meint schon länger, ökologisch korrekt zu leben, er produziert seit den 80er Jahren immer weniger Müll, kauft mit Baumwollbeuteln ein, sortiert sein Altglas nach Farben und sammelt Altpapier, um es wieder zu verwenden.
Die Technik, der Müllbeseitigung ist in unserem Land hochentwickelt. Seit dem Jahr 2005 darf Hausmüll in Deutschland nicht mehr deponiert werden. Dies lässt zum einen die von Möwen umkreisten Hügel am Rande der Städte verschwinden, zum anderen ist auch ein neuer Markt entstanden, denn aus Müll lässt sich saubere Energie gewinnen. Wird der Hausmüll gesiebt und getrocknet, heißt er Ersatzbrennstoff (EBS), bringt Geld und eine Art Ablassbrief bei der Erzeugung von CO2 . Die Errichtung von Ersatzbrennstoff-Kraftwerken ist eine Wachstumsbranche. Während dort, wo sie errichtet werden, die Bürger aus Angst vor den Abgasen mit Transparenten auf die Straße gehen, lobt das Umweltbundesamt deren ökologische Bilanz.
Langelsheim ist eine kleine Gemeinde am Rande des Harzes in landschaftlich reizvoller Lage. In Langelsheim ist ein EBS Kraftwerk geplant.

 

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Konfrontation Von Beginn an hat uns die Bearbeitung der Aufgabe damit konfrontiert, wie wir als Architekten der Bauaufgabe einer Müllverbrennungsanlage gegenüber stehen, sich ihr gegenüber verhalten sollten und wollen. Und unabhängig von der Frage, ob Bauwerk und Funktion an sich falsch oder richtig sind, haben wir rasch entschieden, dass wir (hier?) am liebsten gar keine Architekten wären. Unser Handwerkszeug erschien fehl am Platz in Anbetracht des gestellten Programms am gegebenen Ort: Eine Müllverbrennungsanlage, nicht nur in einem 6.000 Seelen Dorf im Harz, sondern auch noch an dessen Ortseingang. Maßstabslos. Bezugslos. An sich falsch. Zum Scheitern geeignet. Die Ablehnung der Anwendung von Architektur als Lösung des gestellten Problems hat uns auf eine gröbst mögliche Ebene der Betrachtung von Raum zurückgeworfen, die Raumplanung. Die Raumplanung als Raum-Wissenschaft, die in einem Maßstab, der weit über Stadtgrenzen hinausreicht, Setzungen vorsieht, wie Raum insgesamt genutzt wird, erschien dabei weit entfernt und gerade noch nah genug. Als ein Schritt heraus aus dem Maßstab und Fragen der Architektur hat uns dies zu den dialektisch gegeneinander gestellten Fragen geführt: "Wie verhält sich die Aufgabe zum Kontext?" und "Wie verhält sich der Kontext zur Aufgabe?" In der Kollision des Programms einer Müllverbrennungsanlage mit dem Kontext des Ortseingangs der am Nordrand des Harzes gelegenen Kleinstadt Langelsheim sahen wir unser klassisches architektonisches Handwerkszeug nicht als Lösung an. Mit dem Blick eines Raumplaners fanden wir unsere Strategie in der Überlagerung des technischen Verfahrensfließbildes der Ingenieure mit dem vorgefundenen Ort zum Entwurf des EBS-Kraftwerks in Langelsheim. Die Strategie, die gegebenen Ingenieursbauteile mit dem öffentlich zugänglichen (Landschafts-)Raum zu überlagern, zielt auf eine höhere Akzeptanz der Anlage in der Bevölkerung. Durch einen "Städtebau mit Ingenieursbauteilen" nähert sich die Anlage den örtlichen Maßstäblichkeiten und Räumen an, erfährt sogar maximale Ausdehnung auf dem Grundstück. "Es größer machen, um es kleiner erscheinen zu lassen." Collagen In der Logik des Performativen dienen Collagen dazu, durch Überlagerungen erste Bilder zu erzeugen. Jegliche architektonische- und/oder ingenieursmäßige Rhetorik und aus diesen gezogene Annahmen und Bilder werden außen vorgehalten. Das Ergebnis waren Irritationen: Ein Steg durch das Moor für LKW's. Ein Aussichtspunkt als höherer Begleiter des Schornsteins. Eine Rohrbrücke als Rohraber auch gewöhnliche Brücke. Im folgenden Prozess sind wir immer wieder zwischen solchen Kontrasten gesprungen, haben Dinge gegen- oder übereinander gestellt und mussten dabei auch das Fließbild der Verfahrensingenieure in die Collage einarbeiten. Ebenso wie alle Setzungen auch irgendwann einen wie auch immer gearteten Ausdruck von Architektur nötig machen werden. Aus einer immer schärfer werdenden Betrachtung heraus werden sich die Kontraste verringern, manchmal aber auch intensivieren. Städtebau mit Ingenieursbauteilen – "Unter Stress setzen." Aus den Collagen ergeben sich erste Setzungen von einzelnen Bauteilen auf dem Grundstück: Die Andienung des Grundstücks durch den Moor-Raum, eine zentrale Stellung von Rauchzug und Turm, zusätzlich in eine Sichtachse des Dorfes geschoben, die Rohrbrücke in einer mehrere hundert Meter langen stringenten Linie zu den Dampf abnehmenden Chemiefirmen. Wie sich zeigte, wurde der folgende Prozess durch das Ausmitteln dreier Parameter bestimmt: Dem Suchen und Forschen nach Alternativen für einzelne Bauteile der EBS-Anlage und sich aus diesen ergebenden Qualitäten. Dem Ausloten von landschaftsräumlichen und städtebaulichen Potentialen einzelner Bauteile. Dem In- Beziehung setzen von prozessbedingten Abläufen und deren Auswirkungen auf Architektur im weitesten Sinne – Stellung, Form, Material, Volumen. Durch diese Art des Arbeitens sind wir zum Teil auf alternative Bauformen von einzelnen Bauteilen gestoßen, die das Potential haben, in der Logik der das Grundstück umgebenden seltsamen Ränder, diese räumlich weiter zu prägen. Dann wiederum ergaben sich räumliche Potentiale auf verschiedensten Maßstabsebenen durch eine andere Aufstellung, Auseinander- oder Zusammenziehung, Reihung, von Bauteilen. Varianten, die in Relation zum vorgegebenen Verfahrensfließbild technisch nicht einzuhalten oder extrem aufwendig erscheinen, werden verworfen. Es zeigte sich, dass die Grenzen hinsichtlich Form und Stellung nicht unbedingt beschränkt sind, aber doch klaren Regeln und Relationen zueinander folgen. Die Konsequenz für die Arbeitsweise ist nach dieser Erkenntnis, jedes einzelne Bauteil in seiner Stellung und Ausdehnung einer genauen Prüfung zu unterziehen, welche Form von "Stress" es zur Einhaltung der Verfahrens- Prozesse aushalten kann. Dieses "unter Stress setzen" wurde zum bestimmenden Parameter bei der Erarbeitung von Varianten und dem Entwurf der Müllverbernnungsanlage in Langelsheim am Harzrand.
Umgebungsmodell