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Wettbewerb, Anerkennung Franziska Kramer, Philipp Schneider Quartier in Rheine 2012
Quartier in Rheine
Eine städtische Siedlung im Münsterland - Hochschulquartier am Staelschen Hof
Der diesjährige Wettbewerb des Schlaun-Forums stellt angehenden Architekten die Aufgabe der Konversion einer ehemaligen Kaserne. Eine Fragestellung, die in Rheine, bekannt für seine Bundeswehrstandorte, von großer Bedeutung ist. Der Auslober und die Stadt Rheine schlagen die Entwicklung eines Wohngebietes, sowie die Ansiedlung einer Fachhochschule im Stadtteil Eschendorf vor.

Nach der Beschäftigung mit der Stadt- und Siedlungsgeschichte, sowie Gesprächen mit Rheinensern halten wir die Entwicklung einer Fachhochschule an diesem Standort für falsch. Die Attraktivität Rheines als Wohnstandort hängt maßgeblich an einer qualitätvollen Innenstadt. Hier sehen wir an verschiedenen Stellen, vor allem am Rand der Innenstadt und am Innenstadtring Handlungsbedarf. 







Der Standort der General-Wever Kaserne soll in Maßstab und Programm im 
Sinne der Siedlungsstruktur des Stadtteils entwickelt werden. Das Planungsgebiet ist unter Berücksichtigung des gesamtstädtischen Gefüges als Standort einer Fachhochschule nicht geeignet.


Dem Stadtteil Eschendorf fehlt ein Zentrum. 
Ein neuer Platz bildet die Mitte, von der aus sich Wohnhäuser mit 
gemeinschaftlich genutzten Innenhöfen entwickeln. 






Als geeigneten Standort für die Fachhochschule schlagen wir das Gelände 
des leerstehenden Hertie Kaufhauses am Staelschen Hof vor. 
Durch diese Ansiedlung wird das Stadtzentrum gestärkt.
 
Die Häuser der Stadt und der Siedlung bilden durch verschiedene räumliche 
Situationen den Übergang zwischen öffentlichem und privatem Raum.
 
 

Bevor die Bundeswehr nach Rheine kam, war die Stadt als bedeutende Textilstadt bekannt. Der Industrialisierungsprozess in der zweiten Hälfte es 19. Jahrhunderts hatte einen explosionsartigen Anstieg der Einwohnerzahl zur Folge. Die Entwicklung einer breiten Schicht von Industriearbeitern brachte für die Bevölkerung, die vorher überwiegend aus Ackerbürgern und wenigen Patrizierfamilien bestand, einen deutlichen Wandel der Sozialstruktur mit sich. Die Unternehmer waren bemüht, Pendler aus dem Umland oder dem benachbarten Holland sesshaft zu machen. Um die neuen Industriebetriebe entstanden Werkssiedlungen, die sich zu ganzen Stadtteilen entwickelten. Damit einher ging eine erhebliche flächenmäßige Ausdehnung des Stadtgebietes. Der Werkswohnungsbau war für die Stadt Rheine von großer städtebaulicher Bedeutung.
 
Heute ist die Bekannteste, noch vollständig erhaltene, die Siedlungen für die Werksangehörigen der Spinnerei und Weberei der Fa. Kümpers. Diese wurde 1909 erbaut und liegt im Stadtteil Gellendorf, unweit des Planungsgebietes. Lebenszusammenhänge des vergangenen Jahrhunderts werden in dieser noch heute sichtbar. Abseits des Images der Siedlung erkannte die Stadt Rheine im vergangenen Jahr ihren Denkmalwert.
Die Werksiedlung Weißenburg befindet sich ebenfalls unweit des Planungsgebietes, an der Eltener Straße. Die Wohnungen der zwischen 1922 und 1926 gebauten Arbeitersiedlung verfügten bereits über eine Toilette im Erdgeschoss und ein Bad im Obergeschoss, damals ein Luxus. Die Wohnanlage wurde Anfang der zwanziger Jahre in Form eines großen Winkels gebaut. Jede Wohnung hat sowohl von der Straßen- als auch von der Hofseite einen eigenen Eingang und ist mit dem Garten verbunden. Somit gliedert sich die Wohnanlage in selbstständige Wohneinheiten, die mit Reihenhäusern vergleichbar sind.
 
Die über die Fläche verstreuten Siedlungen wuchsen zu einer Stadt zusammen. Dieses azentrische Wachstum lässt sich noch heute an verschiedenen Stellen ablesen.
Zeugnisse dieser Entwicklung von Eingemeindungen sind die Grenzen zwischen den Siedlungen. Grün- und Landschaftszüge durchmischen sich mit Einfamilienhaussiedlungen. Außerhalb des Innenstadtrings ist das Erscheinungsbild in Teilen ein peripheres. Es entwickeln sich Stadtteile die weder aufgrund ihrer mangelnden Infrastruktur als eigenständige Stadtteile funktionieren, noch als dörfliche Strukturen Bestand haben.
In Eschendorf liegen verstreut über den Stadtteil übergeordnete Einrichtungen, aber es fehlt ein Zentrum. 


Im Sinne der Werkssiedlungen fügen wir dem Stadtteil eine geschlossene Wohnsiedlung hinzu, die als ein neues
Zentrum für den ganzen Stadtteil wirken kann.
 
Zwar hat sich unsere Gesellschaft weiter ausdifferenziert und ist nicht mehr so homogen wie vor hundert Jahren, dennoch stellen wir die These auf, dass diese Art der Siedlungstypologie auch heute wieder vermehrt Anwendung finden sollte. Innerhalb einer einheitlichen Bebauungsstruktur kann man ein vielfältiges Angebot an Wohnformen bereitstellen. Während Einfamilienhausgebiete die Stadt zersiedeln, schaffen klar gegliederte Straßenräume und Plätze Aufenthaltsqualität und echte Nachbarschaften. Unsere Siedlung konzentriert sich auf den nördlichen Teil des Planungsgebietes. Von zwei Plätzen aus, bildet sich ein Straßennetz zu dem sich die Häuser in unterschiedlicher Art verhalten. Der öffentliche Raum wird zu einem Teil der Wohnstruktur.
 
An dem zentralen Platz sind Einrichtungen untergebracht die über die Siedlung hinausgehende Funktionen aufnehmen, wie ein Altenheim, ein Cafe, Bäckerei sowie die Möglichkeit für eine kleine Stadtteilbibliothek.
Drei- bis viergeschossige  Randbebauung umschließt den Platz und markiert seine übergeordnete Bedeutung.
Am östlichen Rand des Planungsgebietes befindet sich ein Kindergarten.
 
In einer zweiten und dritten Phase können auf dem von uns nicht überplanten südlichen Freiraum Einfamilienhausgebiete entwickelt werden.
 
 
Die Entwicklung der Stadt Rheine gründet zum einen auf der Erbauung der Villa Reni um 800, dem heutigen Falkenhof und der Dionysuskirche um 1400. Falkenhof und Stadtkirche sind Ausgangspunkt der Stadtstruktur Rheines. Das Zentrum innerhalb des Kardinal-Galen Rings ist geprägt durch eine noch präsente mittelalterliche Struktur. Die kleinteilige Parzellierung und Häuser mit Ladeneinheiten im Erdgeschoss sind Zeugnisse dieser Zeit. Entlang des Innenstadtrings wurde seit der Nachkriegszeit die kleinteilige Parzellierung zugunsten größerer monofunktionaler Baumaßnahmen ersetzt. Heute ist der Kardinal-Galen Ring, durch großmaßstäbliche Gebäudekomplexe, wie das neue Rathaus, das Hertie-Kaufhaus, beide aus den 70er Jahren und weitere große Fachmärkte geprägt. Innerhalb der Innenstadt ist der Trend abzulesen, kleinere Ladeneinheiten zu größeren Einkaufspassagen zusammenzufassen.
 
Nach der Karstadt/Arcandor Insolvenz übernahm Hertie zumeist in Mittelstädten zahlreiche Kaufhäuser. Als auch diese im März 2009 Insolvenz anmeldete, schlossen insgesamt 54 Hertie-Filialen, darunter auch das Haus in Rheine. Seitdem steht der Kaufhauskomplex leer, mit Folgen für angrenzende Geschäftsstraßen und das Rathaus Zentrum. Der Staelsche Hof leidet unter dem trostlosen Bild der verhangenden Schaufensterfassade und hat an Aufenthaltsqualität verloren. Kaufkraft ist in die neu entstandenen Einkaufspassagen abgewandert.
 
Zur Stärkung der Innenstadt, gemäß den vorrausgegangenden Erläuterungen schlagen wir den Standtort der Fachhochschule am Staelschen Hof innerhalb des Altstadtringes vor. Das Hertie Kaufhaus wird durch eine Bebauung ersetzt, die in Dimension, Parzellierung und Programm zwischen dem mittelalterlichen Stadtgrundriss und der Ringbebauung vermittelt.
Die Passage zwischen dem Gebäudekomplex Rathaus und Stadtbibliothek bzw. Stadtarchiv wird zugunsten eines öffentlichen Raumes hin zum Bustreff entfernt, das Rathaus von der übrigen Bebauung freigestellt.

Das Rathaus-Zentrum bekommt einen neuen Eingang zu dieser Seite. Ein Turm bringt städträumlich das Hochschulzentrum an den Staelschen Hof und gibt dem technischen Rathaus sein entsprechendes Gegenüber.
Der Gebäudeflügel der Stadtbibliothek mit Ladenlokalen kann als Bestandsgebäude in die Neuplanung integriert werden. Das Hochschulzentrum nimmt die Maßstäblichkeit des Rathauses, sowie der Ringbebauunng auf, und führt deren Arkadengänge weiter. Die mit Geschäften durchsetzte Erdgeschosszone des Rathauses findet im südlich gelegenen Hochschulzentrum in öffentlichen Foyerflächen, einem Cafe, der Mensa und den Ladenlokalen des Stadtbibliotheksflügels seine Fortsetzung.
In den oberen Geschossen sind Verwaltung und die Fachbereiche der Hochschule untergebracht. Das Medienzentrum der Fachhochschule kann mit der Stadtbibliothek zusammengeschlossen werden. 
 Östlich der fünf Geschäftshäuser schließt das Hörsaalzentrum an. Es bildet den Abschluss der Herrenschreiberstraße, die sich zu einem Platz aufweitet. Das Gebäude springt gegenüber den Geschäftshäusern zurück, steht aber in der Flucht der Münstermauer, der ehemals letzten Straße innerhalb der Stadtmauer.
In dem sich zur Stadt hin öffnenden Erdgeschoss befindet sich ein großzügiges Foyer welches von zwei Flügeln flankiert wird, in dem sich auf der einen Seite studentische Arbeitsräume befinden. Über einen Großen Lichthof gelangt man zu den in den Obergeschossen befindlichen Hörsälen sowie den Seminarräumen.
 Als Annex an das Hörsaalzentrum schließt eine große Werkhalle an, die im Zusammenspiel mit den Geschäftshäusern, sowie dem Laborgebäude kleinere Wege ausbildet.
Das Laborgebäude bildet den Abschluss des kleinen Quatieres nach Süden hin. Zusammen mit den Geschäftshäusern und dem Hochschulzentrum bildet es einen Vorplatz aus, von dem man die Mensa betritt. 






 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 









 






















 









Das Haus in der Altstadt
 
Gegen 1460 wurde die Stadtbefestigung Rheines auch um den Thie herumgezogen. Die alte Mauer samt Graben hatte ihren Sinn verloren. So konnte der schmale Geländestreifen bauwilligen Bürgern zur Errichtung von Wohnhäusern zugeteilt werden. Allerdings mussten diese Gebäude, um den knappen Platz auszunutzen, über die Mauer bis in den Graben hinein gebaut werden.
 Während in Rheine der Typ des engbrüstigen Giebelhauses vorherrschte, entstanden überall dort wo die alten Befestigungswerke aufgelassen wurden zahlreiche traufständige Häuser, die sich besser der geringen Tiefe des Baugrundstücks anpassen ließen. Das längst aufgebrochene breitgelagerte Fachwerkhaus ist charakteristisch für diesen Typ, der über die Festungsmauer hinweg in der Grabenbschung errichtet wurde. Es ist ein „overgetimmertes“ Haus, dessen oberstes Stockwerk auf Knaggen vorkragt. So gewann man einerseits oben einen breiteren Grundriß und konnte andererseits mit dieser Konstruktion das Durchhängen der Deckenbalken verhindern.Die fünf giebelständigen Geschäftshäuser, die Teil des Komplexes sind interpretieren das “overgetimmerte“ Haus und bilden in der Ladenzone einen Sockel aus, der eine kleine Auskragung erhält und im gesamten Kontext die räumliche Tiefe der Fassaden betont.
 
Das Haus in der Siedlung
 
Die Häuser der Siedlung bilden kleine Einheiten, die eine Vielfalt an räumlichen Situationen zulassen. Es bilden sich kleine Vor- und Innenhöfe entlang der Straßen die auf den Wohnungsbau der 20er und 30er Jahre zurückgehen.Von den Gliederungen der Plätze, Straßen und Höfe aus bilden sich kleinmaßstäbliche Situationen, wie die Mauern der Vorgärten oder Treppenstufen zu den Eingängen. Diese schaffen mit einfachen Mitteln eine hohe städtebauliche Qualität, die zwischen öffentlichem, gemeinschaftlichem und privatem Raum Übergänge bilden.Die Zusammengehörigkeit der Einheiten wird durch die Verwendung von ortstypischen Backsteinfassaden deutlich. 
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