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Diplomarbeit Franziska Kramer Theater in Amsterdam Sommer 2011
Theater Amsterdam
Neubau eines Theaters in direkter Nachbarschaft zur Börse

 
Die Altstadt Amsterdams ist im heutigen Zustand Ergebnis von aufeinanderfolgenden Normierungen die sich seit dem 17. Jahrhundert entwickelt haben. Die immer gleiche Ausformulierung von Plätzen, Grachten, Bürgersteigen und Bebauungshöhen, führt zu einer starken Stereometrie im Altstadtkern die die bürgerliche Herkunft der Stadt verdeutlicht. Die Kleinteiligkeit der Grachtenhäuser verträgt die wenigen im Stadtbild präsenten Brüche von großmaszstäblichen Gebäuden, wie dem Kaufhaus Bijnenkopf, der Börse und der nieuwe Kerk,und der olden Kerk, die das System von Grachten und Häusern zu durchbrechen scheinen. Die Börse von H.P. Berlage scheint manifestiertes Vorbild zu sein im Umgang mit Monumentalität auf der einen und städtebaulichen Maszstab auf der anderen Seite. Sie steht ebenso in einer Folge von öffentlichen Gebäuden die eine städtebauliche Besonderung in der Altstadt sind.





 
Michel Foucault glaubt, dass die heutige Unruhe grundlegend den Raum betrifft - mehr als die Zeit. Die Phänomenologen hätten uns gelehrt, dass die Menschen nicht in einem homogenen und leeren Raum leben, sondern in einem Raum der mit Qualitäten aufgeladen ist, der vielleicht auch von Phantasmen bevölkert ist. Es geht um den Raum der ersten Wahrnehmung, den Raum der ersten Träume, den Raum der Leidenschaften.
Auf der Suche nach Erlebnisräumen scheint der Mensch sich auf die Suche nach geschützten Inseln, nach invaliden Räumen zu machen; nach einem Ort des Gedächtnisses. Das Theater stellt sich als ein mythologischer Ort dar, der mit Illusionen spielt, der ein Ort der Verheißung ist. Die Schauspieler prostituieren sich, der Staat spielt den Zuhälter und die Zuschauer die Voyeure auf der Suche nach Befriedigung. Das Theater ist somit eine Institution, mit hierarchischen Strukturen und Grenzen. Diese Grenzen, im räumlichen Sinne,  gilt es beizubehalten um die Illusion nicht zu zerstören. Das bedeutet gleichzeitig, dass die bereits existierenden Hierarchien des Theaters beibehalten und räumlich sogar verstärkt werden können.



„Charaktertypen bezeichnen seit der Antike in unterschiedlichen Definitionen, Ausprägungen der Persönlichkeiten von Menschen. Sie versuchen Eigenschaften von Einzelpersonen einem bestimmten Typus zuzuordnen.“ Dieses Zuordnen von Charaktertypen, führte beispielsweise bei Theophrast in der Antike zu einem Buch mit der Beschreibung von über dreißig Charakteren (der Bäuerliche, der Flegel, der Gefallsüchtige, der Spätgebildete...).
Diese Charaktere werden im Theater zum einen durch die sehr unterschiedliche Nutzer -, Bespielerstruktur (Intendant, Schauspieler, Bühnenarbeiter, Handwerker, Zuschauer...) gebildet, vor allem aber auch durch die unterschiedlichen Anforderungen an Raumproportionen und Bedeutung geprägt. Zum einen gibt es eine Abfolge der Repräsentativen Orte; Foyer, Garderobe, Bar, Zuschauerraum. Zum anderen den Bühnenapparat mit Werkstätten, Probebühnen, Garderoben, usw. die wie eine Fabrik im Hintergrund stehen. Die Räume besitzen vor allem aufgrund ihrer unterschiedlichen funktionalen Notwendigkeiten, verschiedene Atmosphären, die durch die Materialität und Proportion der Räume geschaffen wird.
 
Ebenso notwendig um den Apparat Theater am laufen zu halten sind die räumlichen Grenzen die sich nicht nur auf den eisernen Vorhang beschränkten der die stärkste Grenze des Gebäudes darstellt, sondern vielmehr auch ein Thema der Übergänge, der Schwellen, der räumliche Ordnung ist. Die Bedeutung der Schwelle und somit auch die der Grenze in der Architektur ist eine doppelte, widersprüchliche.“ Sie ist auf der einen Seite Ort der Gründung eines Bauwerks, an dem die Grenze zwischen innen und aussen, privat und öffentlich, rein und unrein, warm und kalt, heimlich und unheimlich fixiert wird. Auf der anderen Seite ist die Schwelle aber auch der Ort, wo diese Grenze übertreten werden kann, wo die Geschlossenheit der vier Wände aufgelöst wird und die Beschränktheit abgesonderten Fürsichseins mit der Unbegrenztheit aller Wegerichtungen verbunden wird.“ Die doppelte Eigenschaft der Schwelle umschrieb der Anthropologe Arnold von Gennep bereits 1907 in Les Rites de passage mit den Begriffen der Grenze und der Randzone. Bei der Grenze wird ein bestimmter Raum durch die rituelle Setzung von Grenzsteinen oder Grenzlinien ausgesondert und für Fremde unzugänglich gemacht. Im Gegensatz zur Grenze sei die Zone ein neutrales, zwischen den Grenzen liegendes Gebiet, das sich sowohl auf der Ebene des Territoriums wie auch in seiner städtischen Entsprechung in Dorf, Stadt, Quartier, Tempel oder Haus wiederfinde. Dabei, mit abnehmendem Maßstab und Grad an Öffentlichkeit, reduziere sich die Zone von einem landschaftlichen Raum, wie Wüste, Sumpf oder Urwald, über das einzelne Bauelemente wie das Tor in der Mauer, die Pforte zum Quartier oder die Haustür bis hin zum einzelnen tektonischen Bauglied, wie dem einfachen Stein, dem Balken oder der Schwelle. Nach Gennep ist also die Schwelle durch ihre Doppeldeutigkeit zugleich Grenzlinie und Verbindungsraum.


















Die vier „Begrenzungen“ des Grundstücks, sind in diesem Fall eine sehr heterogene. Auf der einen Kopfseite als direktes Gegenüber der Hauptbahnhof, auf der anderen die Börse von H.P. Berlage. Diese beiden Gebäude bilden ein direktes gegenüber zweier großmaßstäblicher Bebauungen. Die beiden Längsseiten werden durch kleinteilig parzellierte Blockränder gebildet. Auf der einen Seite, dem Damrak eher von einer heterogenen Dachlandschaft geprägt, auf der anderen Seite durch das Postkartenmotiv Amsterdams. Funktional gesehen gibt es auch wieder ein gegenüber der beiden Großstrukturen die öffentliche Gebäude sind und den Blockrändern durch Touristen und das Rotlichtviertel gezeichnet sind.



 
Das klassische Grundrissschema eines Theaters ist geprägt durch die innere Raumabfolge: Bühne, Zuschauerraum, Foyer. Darauf folgt eine zweite Raumschicht die der Erschließung dient und letztlich den dienenden Räumen wie Proberäume, Werkstätten und Theaterrestaurant. Diese Raumschichten sind nun auseinandergezerrt und die innere Raumfolge freigelegt. So entsteht ein Gebäude das im Längsschnitt, in diesem Fall in der Raumfolge Foyer, Zuschauerraum, Bühne, Proberäume, Konglomerat bleibt, in der Querrichtung aber eine „Trennung“ zwischen innerer Form und andienenden Räumen bildet.














Die Proportion des Zuschauerraumes geht von einer ganz spezifischen Portalhöhe- und breite aus. Diese Maße für den Portalrahmen beruhen auf dem Verhältnis 1 zu 1,6. Darüber definiert sich auch die Bühnenfläche und Bühnentiefe die an die Regeln des traditionellen Theaterraums angelehnt ist. Das bedeutet eben auch ein maximale Tiefe des Zuschauerraumes von 25m und eine Abstufung der Sichtwinkel-Verhältnisse von 30°,60° und 110°. Unterbühne, Montagefläche, Malersaal und angrenzende Werkstätten sind in ihren Maßen ebenso abgestimmt auf die Höhe und Breite des Portalrahmens. Diese Proportion von 8,125 x auf 13m zieht sich durch den gesamten Bühnenapparat in allen Ebenen.